Plan de Vida Koreguaje

Über den „Plan de Vida“, einen selbstgestalteten Prozess der Neuorganisation des Volkes der Koreguaje oder wie ein indigener Stamm um seine Zukunft ringt

von Dipl. Geograph Lothar Menzel, Rhein-Kreis Neuss, stellvertretender Projektleiter und Dipl. Geograph Klaus Hecht, Projektberater und Kolumbienexperte

Das indigene Volk der Koreguaje gehört der Sprachfamilie „Tukano occidental“ und der Gruppe der Siona an, die die Sprache „Korebaju“ spricht. Man spricht vom „Volk der Erde“ bzw. vom „Volk der trockenen Erde“. In verstreuten Gebieten entlang der Flüsse Orteguaza und Caquetá leben auf etwa 30.000 ha ca. 2.200 Indigene des Stammes der Koreguaje.

Die heute bewohnten Territorien entsprechen nicht denen von früher. Das heutige Gebiet der 19 Cacicazgos (Organisationsform indigener Gemeinschaften) garantiert aus der Sicht der Indigenen auf Grund von Gebietsverkleinerungen nicht mehr das Überleben des Stammes. Der Druck von außen auf ihre Wälder wird stärker und stellt für den Lebensunterhalt und die letzten verbliebenen spirituellen Orte ein großes Risiko dar.

Bedeutender als die Landfrage ist allerdings die Tatsache, dass die Koreguaje ihre Traditionen und ihr Brauchtum nicht ausreichend pflegen und erhalten. Warum? Auf der einen Seite sind sie diversen westlichen Einflüssen ausgesetzt, was sich mitunter in Alkoholmissbrauch und kontinuierlichem Konsum von Telenovela- und Werbefernsehen niederschlägt. Prägend sind aber auch Berührungspunkte mit der Siedlerkultur und Beeinflussung durch die Guerilla. Auf der anderen Seite werden sie vor allem von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gern in eine Opferrolle gedrängt, die Eigeninitiative schmälert und Bequemlichkeit Platz greifen lässt. Abhängigkeiten werden durch Geldzuweisungen und Lebensmittellieferungen verstärkt.

Corporación Solano hat beobachtet, dass in den Gebieten, in denen die Guerilla keinen Einfluss ausübt oder sich die Indigenen gegen deren Beeinflussung wehren, die Dorfgemeinschaften gefestigter und selbstbewusster wirken.

 

Zur Geschichte des Organisationsprozesses

Der Tod des letzten großen Chaí (höchster politischer und spiritueller Führer) führte von einem auf den anderen Tag zum Verlust der traditionellen Organisationsform, da es keine schamanische Nachkommenschaft gab. Man zerstreute sich und gründete kleine Kerne von Gemeinschaften entlang der Region, die man zuvor als Nomaden durchquert hatte. Immer mehr Neuankömmlinge auf der Suche nach einem neuen Anfang verdrängten die Koreguaje nach und nach von ihrem überlieferten Territorium.

Der 2015 realiserte und im Jahr 2016 für den Oscar nominierte Spielfilm „Der Schamane und die Schlange“, Originaltitel „El abrazo de la serpiente“, gibt einen authentischen Einblick in der Welt der kolumbianischen Indigenen von Beginn bis Mitte des 20. Jahrhunderts (siehe http://www.filmstarts.de/kritiken/236295/trailer/19545054.html und https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Schamane_und_die_Schlange). Ausgangspunkt des Filmes sind die Forschungsreisen des deutschen Ethnologen Theodor Koch-Grünberg und des US-amerikanischen Ethnobotanikers Richard Evans Schultes im Amazonasgebiet Kolumbiens.

In den 1970er Jahren nahm man Verbindung mit den nationalen indigenen Bewegungen in Kolumbien auf, um seine Rechte, u. a. das Recht auf den eigenen Lebensraum, einzufordern zu können. Eine Zäsur stellte der Beginn des 19. Jahrhunderts dar, bei dem die Indigenen auf den Plantagen der Kautschukbarone regelrecht versklavt wurden und dadurch nahezu ihre komplette kulturelle und soziale Eigenständigkeit einbüßten. Zu Beginn der 90er Jahre setzte infolge der Drogen-Bonanza und eines Auffachens des kolumbianischen Binnenkonflikts zwischen Regierungstruppen, FARC-Guerilla, Paramilitärs und Drogenmafia eine Verfolgung indigener Führer ein, wenngleich aber auch die Indigenen selbst damit begannen, Koka für die Kokainproduktion anzubauen und so erstmals durch leicht zu verdienendes Geld („Plata Fácil“) und durch die Nähe zu Drogenkartellen korrumpiert wurden. Schmerzhafte Etappen für den Stamm, aber auch ein Moment der Rückbesinnung und ein Neustart.

Ende der 90er thematisierten die indigenen Völker ganz im Sinne der Koreguaje die Wiedergewinnung ihrer traditionellen Medizin. In dieser Sache setzten sich die Koreguaje mit Mitgliedern des Institutes für Ethnobiologie (IEB) in Verbindung und mit Taitas, „väterlichen“ Respektspersonen, die später einen Verband indigener Mediziner (UMIYAC) gründeten. Gegenüber den Behörden der Provinz Caquetá hat man sich verpflichtet, einen „Plan de Vida“ zu erarbeiten.

Die Anpassung an eine neue Organisationsform – hier die Gründung eines regionalen Indigenen-Verbandes (CRIOMC) im Jahr 2005 – war für die Indigenen nicht einfach. Es galt, nicht den Blick dafür zu verlieren, „dass wir Indigene sind und das Leben und die Kultur der Koreguaje fortführen wollen“.

Der Zusammenschluss der 19 Gemeinschaften hat zum Ziel, den „Plan de Vida Koreguaje“ anzustoßen, die Gemeinschaften in allen Instanzen zu vertreten, Organisationsprozesse zu unterstützen, Pläne und Programme mit Behörden zu koordinieren, sich gegenseitig bei der Lösung von Problemen und der Formulierung und Durchführung von Projekten zu Gesundheit, Erziehung, Umwelt usw. zu unterstützen. Die Zusammenarbeit mit Behörden gestaltet sich aber schwierig, auch aufgrund der extrem abgelegenen Lage vieler Indigenendörfer, die nur unter hohen Transportkosten auf dem Wasserwege zu erreichen sind. Trotzdem der „Plan de Vida Koreguaje“ vor vielen Jahren erarbeitet wurde, handelt es sich nach wie vor um ein Papierwerk. Es bleibt abzuwarten, wann er oder ob er überhaupt jemals in die Praxis umgesetzt wird. Viele Koreguaje kennen das Dokument nicht, aufgrund fehlender Öffentlichkeitsarbeit, aber auch wegen grassierendem Analphabetentum, Desinteresse und eines Nicht-Vorhandenseins einer Kultur des Lesens in Kolumbien. Sicherlich besteht kein Erkenntnisdefizit über die Gründe des Verschwindens der indigenen Kultur, es besteht allerdings ein Defizit, die niedergeschriebenen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen.

Viele indigene Dachorganisationen verfügen über nahezu keine Legitimation an der Basis und gelten gemeinhin als politisiert, korrupt, ineffizient und bürokratisch. Viele leisten bis heute einen nennenswerten Beitrag zum Erhalt und zur Pflege von Brauchtum und Traditionen sowie zur Verbesserung der Lebensumstände der Indigenen.

 

Bestandsaufnahme und Herausforderungen

Für die in Familienclans organisierten Koreguaje ist die Maloca (das traditionelle gemeinschaftliche Rundhaus) das Zentrum des Universums. Basis für Leben und Kultur ist die spirituelle Weisheit. Die Wirren nach dem Tod von Miguel Piranga, dem letzten Chaí, ließen sie vieles vergessen, was das traditionelle Leben angeht. Sie begannen, sich nach außen hin zu orientieren.

Die Maloca, das traditionelle gemeinschaftliche Rundhaus der Indigenen

Der Westen schlug eine neue Organisationsform vor, die einen Bruch provoziert, indem sie das Spirituelle vom Politischen und Organisatorischen trennt. Danach sollte es in jedem indigenen Territorium (Lebensraum) eine politische Autorität, einen Kaziken geben, der dort herrscht und der derjenige ist, der mit dem „Weißen“ (auch Kreolen, Mestizen) spricht. Außerdem hätte man das komplette staatliche System zu übernehmen: Verfassung, Gesetze, Normen. Mit anderen Worten: „Wir sind ein Stamm innerhalb eines größeren Volkes, das das kolumbianische ist.“

Die Koreguaje jedoch wollen zurück zu ihren Wurzeln, ohne dabei zu vergessen, dass sie ein kulturelles und politisches System umgibt, das nicht ihres ist, aber mit dem man einen Umgang pflegen muss. Man muss erreichen, dass die Cacicazgos und der Verband sich zu starken politischen Institutionen entwickeln, ausgestattet mit der Fähigkeit, mit der westlichen Welt zusammen zu arbeiten, Chancen zu suchen und das Innere lebendig zu halten.

 

Bestandsaufnahmen

Aus der Sicht der Taitas hat der Stamm der Koreguaje viele Vorstellungen vom Leben. Vor allem die jungen Leute richten ihr Denken nach außen, hin zur westlichen Kultur. Gegenüber der traditionellen indigenen Medizin gibt es Misstrauen. Aber auch unter den Autoritäten gibt es interne Konflikte, Kompromisse fehlen, vorherrschend ist das Individuelle anstelle des Kollektiven. Die indigene Autonomie ist schwach ausgebildet. Es gibt zahlreiche externe Akteure, die die Grenzen des überlieferten Lebensraums nicht respektieren.

Aus der Sicht des Indigenen-Verbandes sind die hauptsächlichen Schwierigkeiten: das Fehlen der Regierungsführung, was sich darin zeigt, dass man nicht weiß, was der Verband eigentlich ist und wer seine Autoritäten sind. Die interne Kommunikation muss verbessert werden. Der Verband muss stärker werden, um eine Vermittlerrolle zwischen ihrer Organisationsform und der der übrigen Welt spielen zu können.

Aus der Sicht der Gemeinschaften fehlt die traditionelle Autorität, die spirituelle Orientierung gibt. Man legt mehr Wert auf Bücherwissen. In den neuen Generationen verliert sich die Essenz der Kultur: die Jungen wissen nichts über traditionelle Medizin. Autorität, Respekt und Gehorsam sind verloren gegangen. Es gibt gesundheitliche Probleme (Unter- und Mangelernährung), der Umgang mit den eigenen natürlichen Ressourcen wie Trinkwasser ist schlecht. Man hat viele Dinge vergessen, nur um der „weißen Kultur“ zu folgen. Mehr Dinge sind verschwunden als dass sie bewahrt wurden.

 

Resümee der Diagnosen: Es gibt verschiedene Vorstellungen vom Leben des Stammes der Koreguaje, die die Menschen daran hindern, ein Einvernehmen zum Schutz des Lebens, der Gesundheit, der Kultur und ihres Territoriums zu erzielen.

 

 

Gründung eines regionalen Indigenen-Verbandes

Um den Weg zum Aufbau einer gemeinsamen Lebensvorstellung einzuschlagen, ist Integration und Kommunikation notwendig: Männer, Frauen, Jugendliche, Alte, Mädchen und Jungen sind an diesem Aufbauprozess zu beteiligen. Denn: Eine eigene, nur durch die Autoritäten definierte Politik wandelt sich in eine Vorschrift, aber nicht in die eigene Art der Lebensführung.

 Für die Koreguaje bedeutet, ein Stamm zu sein, irgendetwas gemeinsam zu haben: einen mythischen Ursprung, einen Lebensraum, in welchem sich Leben und Kultur entwickeln, überlieferte Normen, um den eigenen Lebensraum zu bewirtschaften, um untereinander in Beziehung zu stehen und um gut zu leben („Buen Vivir“). Die verlorene traditionelle Organisationsform will man zurück haben, um sich nach ihr zu richten.

Traditioneller Tanz der Koreguaje im Indigenen-Reservat Jericó Consaya (Solano)

Die Verwirklichung dieses Wunsches kann Generationen dauern, was aber nicht heißt, dass man zu jener Epoche vor der Ankunft der Spanier zurück will. Man ist nicht gegen technischen Fortschritt.

Der Stamm will ein Gleichgewicht schaffen zwischen dem Traditionellen und dem Westlichen. Erstarken heißt für sie, ihr Denken als Stamm zu einen.

 

Wiedergewinnung der spirituellen Weisheit

Auch wenn es viele Jahre dauern kann, will man wieder einen spirituellen Führer als Basis für die eigene Kultur, damit sich Geist und Identität des Stammes nicht nur in Tänzen, Sprache und Kleidung erschöpfen.

 

Indigene Heiler („Curanderos“)

Sie sollen die Gesundheitsvorsorge Familie für Familie voranbringen und das Wiederauffinden medizinischer Pflanzen unterstützen. Sie sollen Personen identifizieren, die Kenntnisse in der traditionellen Medizin besitzen und sie motivieren, die Gemeinschaftsmitglieder wieder zu beraten. Die Erkenntnisse indigener Heiler über die Gesundheitssituation und die Ernährung in den Gemeinschaften sind für die Gesundheitspolitik der Koreguaje im Rahmen des „Plan de Vida“ von Nutzen.

 

„Wir sind dabei, zu vergessen, dass unsere Großeltern gesund lebten und die Natur besser geschützt war. Jetzt sind wir immer öfter krank und finden uns in Hospitälern ein, nehmen Medizin von außerhalb ein und haben schon vergessen, wie wir uns gesund hielten.“

 

Schüler und Heiler haben einen gemeinsamen Auftrag: Die Gesundheit des Stammes zu schützen. Und dabei sollen sie zusammen arbeiten.

 

Organisationsentwicklung der Koreguaje

Mit einer Stärkung des Indigenen-Verbands soll die Regierungsfähigkeit gestärkt werden, was den Koreguaje gestatten soll, zwischen ihrer Organisationsform und der Art, wie es die „Außenwelt“ macht, zu vermitteln.

Auch die indigenen Gemeinschaften müssen über die Ziele und die zu entwickelnden Programme ihres Verbandes informiert sein. Die Kaziken (Häuptlinge) der einzelnen Resguardos (Schutzgebiete der Indigenen bzw. Indigenen-Reservate) sind aufgerufen, sich an Veranstaltungen über die organisatorische Stärkung zu beteiligen. Kommissionen für Ackerbau und für die Gesundheit sollen direkt mit den Gemeinschaften zusammenarbeiten und Projekte implementieren.

Der „Plan de Vida“ soll für eine indigene Politik stehen, die das Denken des indigenen Stammes ausdrückt, die führt und die Ausübung einer eigenen Regierung im Innern der indigenen Reservate ermöglicht.

 

Über den traditionellen Lebensraum (Territorium)

Ein Blick auf die Geschichte: Lange Prozesse der Besiedlung, die Beziehung zur westlichen Kultur, die Kolonisationswellen und die Ausbreitung des ökonomischen Handelssystems haben tiefgreifende Veränderungen im traditionellen Lebensraum und in der Kultur der Koreguaje verursacht.

 

Nur 70 Jahre zuvor waren die Koreguaje noch Nomaden und durchquerten ihr traditionelles Gebiet von der amazonischen Ebene im Putumayo bis zu den Ausläufern der östlichen Andenkordillere, geführt vom Chaí oder dem Schamanen. Seit den 70er Jahren betrachten sie mit großer Sorge, dass in ihr Gebiet immer mehr mestizische, kreolische und weiße Siedler („Colonos“) auf der Suche nach Auskommen einfallen und Regenwald für Viehzucht und Kokaanbau zur Drogenproduktion roden und beim Goldabbau die Flüsse mit Quecksilber und Zyanid verschmutzen.

Man ist sich klar darüber, dass das Überleben der indigenen Gemeinschaften und deren Kultur von diesem Lebensraum abhängen.

Für eine territoriale Bestandsaufnahme bildete der Verband eine Equipe aus jungen Leuten der verschiedenen Cacicazgos, die Workshops über das traditionelle Gebiet und seine Bewirtschaftung ausrichteten. Karten und Basisinformationen für jede Gemeinschaft wurden erhoben.

So gelang es, die Nomadenroute des Stammes der Koreguaje durch das traditionelle Territorium zu rekonstruieren. Die Gruppe kam aus Brasilien und stieg den Rio Caquetá hinauf. Erste Siedlung war Santa Maria in Putumayo. Dies ist für den Stamm ein heiliger Ort. Dann folgten u. a. Solano, Tres Esquinas, Mekasaraba (heute San Luis) und Chosaaro (heute Florencia, Hauptstadt von Caquetá). Vom letzten Punkt kehrten sie zur ersten Siedlung nach Santa Maria zurück.

Die Nomadengruppe hielt sich an jedem Platz mehr oder weniger fünf Jahre auf. Die gesamte Route legte man in 50 bis 60 Jahren zurück. Man war frei in diesem großen Territorium und bewegte sich auf Flüssen voran.

Zu den spirituellen Grundsätzen der Pflege und des Erhalts des Lebensraums gehören: Traditionelle Medizin, das Denken der Älteren, weil sie mit der Natur Kontakt pflegen und die Weltanschauung besitzen, Respekt vor den „Herrschern“ der aquatischen und der terrestrischen Welt, Umsetzung der Empfehlungen der Älteren.

Zu den materiellen Grundsätzen der Pflege des Lebensraums gehören: die Natur respektieren und schützen, die traditionelle Form von Fischfang und Jagd wieder einführen, nicht unnötigerweise Wald fällen oder abbrennen, aufforsten in Eingriffszonen, keine Wasserverschmutzung, angemessener Umgang mit dem Abfall, Wiedereinführung von Medizinalpflanzen, Ersatz der Koka-Anbaukulturen für die Produktion von Kokain durch rentable und ökologisch verträgliche Alternativen.

Eine ganz besondere Rolle bei der Bewirtschaftung des Lebensraums spielen die „Chagras“. Diese Flächen garantieren mit ihrer Vielfalt an Samen die Ernährung. Es ist zwingend notwendig, den Austausch der traditionellen Samen zwischen allen Gemeinschaften des Stammes kontinuierlich fortzuführen, um zu vermeiden, dass diese irgendwann verschwinden (Erhalt der Biodiversität bei den Nutzpflanzen).

Der durch illegale Wirtschaft ausgeübte Druck beeinflusst die in dieser Region vorhandenen Ökosysteme, die als die Region mit einer der größten Biodiversität in Kolumbien gilt. Gewalt und Zerstörung der Völker gehören zusammen. Auch Frieden und Fortschritt eines „Plan de Vida“ können zusammen gehören, wenn es in jedem Einzelnen der Indigenen ein Bewusstsein für Frieden gibt. Dieser Friede wird in der Familie und auch in der Gemeinschaft zu leben sein.

 

Über Anbau und Ernährung

Leben und Ernährung der Koreguaje stehen im direkten Zusammenhang mit deren Lebensraum. Seit vielen Jahren versucht man, sich auf die traditionellen Anbauformen zurück zu besinnen, damit die Familien ihre eigenen Lebensmittel anbauen und produzieren, um weniger vom Markt, von Hilfslieferungen und Lebensmittelzukäufen abhängig zu sein. Auch hier ist ein Konsens nötig, um Aktionen beschließen und durchführen zu können. Diese können sein: Ausbildung von agrarökologischen Beratern, Schutz der biologischen Ressourcen, Einrichtung von Gemeinschafts-Chagras, die als Samenbanken für die Chagras der einzelnen Familien dienen.

Die paternalistische Abhängigkeit von Lebensmittelspenden und externen Geldzuweisungen ist insbesondere in den Resguardos weit verbreitet, in denen eine Kombination aus fehlendem Interesse und Fleiß der Indigenen, fehlendem intakten Regenwald für die Jagd und das Sammeln von Früchten und Pflanzen, ausgelaugten Viehweiden und mitunter Kokaplantagen zur Produktion von Kokain besteht.

Geldzuweisungen des kolumbianischen Staates an die Indigenen-Reservate werden in häufigen Fällen von Behördenvertretern aber auch von den indigenen Führern selbst zweckentfremdet (z. B. für Alkoholkonsum) und stehen damit Projekten zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Indigenen nicht mehr zur Verfügung.

Das Chagra ist ein Raum von vitaler Bedeutung für das Leben des Stammes. Noch lebt die Kultur für das Chagra und die Ernährung, wenngleich auch kümmerlich. Grundsätzlich ist es die Frau, die das Chagra pflegt und die Samenvielfalt erhält.

Normalerweise sind die Chagras etwa ein Hektar groß, und es ist üblich, dass jede Familie bis zu drei davon unterschiedlichen Alters hat: ein neu eingesätes, eines im Wachstum und ein altes mit Früchten und anderen Anbaukulturen.

Je nach Bodenverfügbarkeit (Größe des Lebensraums) können es pro Familie bis zu sieben sein, was die Möglichkeit der Rotation schafft und eine Regeneration der Böden ermöglicht. Vielfalt und Kultur der Koreguaje leben gewissermaßen um die Ernährung und die Landwirtschaft herum.

Die Einsaat von Anbaukulturen zu Vermarktungszwecken (Bananen, Maniok, Mais, Ananas) und in einigen Fällen extensive Viehzucht sowie die Besprühung der Kokafelder (zur Produktion von Kokain) mit Glyphosat aus der Luft haben mittlerweile zu einer Kontamination von Böden und Gewässern durch Pestizide geführt.

In den Chagras gibt es eine Tendenz zum Artenschwund. Für die Vermarktung werden manche schon in Monokultur betrieben. Gegenbeispiele sind Chagras, in denen bis zu 33 Arten angebaut werden. Neben den gerade genannten Basisprodukten für die tägliche Ernährung und die Vermarktung wird auch Reis angebaut. Früher reichlich genutzt, aber heute weniger angebaut werden Kakao, Passionsfrucht, Erdnuss und Bohne, wobei die beiden letzteren für die Verbesserung der Bodenqualität bedeutsam sind. Die Yamswurzel ist bei den Koreguaje im Gegensatz zu anderen indigenen Völkern noch präsent.

Bei der Einrichtung von Gemeinschafts-Chagras steuern die Familien jeder Gemeinschaft die Samen bei. So gab es Chagras, wo man in der Vergangenheit bis zu 30 Arten anbaute. Die Arbeit des Rodens, des Abbrennens und der Einsaat wurde in „Mingas“ (freiwillige gemeinschaftliche Arbeit der Indigenen) geleistet. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es für die Einsaat der Chagras nicht nötig war, Samen von außerhalb zu beschaffen, wählten die Koreguaje, um weitere Projekte anzugehen, die zu einer Verbesserung einer autarken Ernährung führen, besonders solche mit Viehhaltung aus.

 

Schlussfolgerungen

Die Lebensbedingungen der indigenen Familien sind sehr unterschiedlich und hängen von deren Bereitschaft und Motivation ab, traditionelles Wissen und neues Wissen über nachhaltige Landnutzung zu erlernen. Vor allem aber gilt es, das Wissen in die Praxis umzusetzen. In dem Maße, in dem das Indigenen-Reservat von größerer Ausdehnung ist, kann die zu schützende Regenwaldfläche auch einen größeren Teil einnehmen, vorausgesetzt, es werden für den Regenwald schonende Landnutzungspraktiken wie z. B. Kakaoanbau im Agroforstsystem angewandt. Bei einer Vergrößerung der Indigenen-Reservate steht auch mehr Land für Jagd, Fischerei und das Sammeln von Früchten und Wildpflanzen zur Verfügung. Zudem wird die Bodenqualität in den Chagras besser, weil die Regenerationszeit aufgrund extensiverer Nutzung länger andauern kann.

Das Festhalten und Wiedererlernen traditioneller Praktiken ermöglicht den Anbau vieler nahrhafter Arten, Früchte, Nutzhölzer und Medizinalpflanzen in Chagras unterschiedlichen Alters. Das garantiert, dass man während des ganzen Jahres mit Grundnahrungsmitteln rechnen kann.

Anbau der Amazonas-Ananas im Indigenen-Reservat
Jericó Consaya (Solano), einem Ursprungsgebiet der Ananas

Quelle:

Asociación de Cacicazgos Consejo Regional Indígena del Orteguaza Medio-Caquetá – CRIOMC – : Construcción del pensamiento Koreguaje para la vida – Plan de Vida Pueblo Koreguaje