Nationalpark Serranía de Chiribiquete

Der sprichwörtliche Artenreichtum der Amazonasregion spiegelt sich in konzentrierter Form in diesem 1989 gegründeten Nationalpark, einem der letzten weißen Flecke der Erde, benannt nach der Tafelberg-Landschaft Serranía de Chiribiquete. Bis in vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein galt das Gebiet als „Terra Incognita“. Mit der Suche des US-amerikanischen Ethnobotanikers Richard Evans Schultes nach dem in der Region häufig vorkommenden Balatabaum (Manilkara bidentata) zur Gewinnung von Kautschuk lüfteten sich die ersten Geheimnisse von Chiribiquete. Die Tafelberge, auch Tepuis genannt, sind Teil des Berglands von Guayana und mit einer Ausdehnung von 200 km charakteristisch für diesen größten Nationalpark Kolumbiens. Seit 2013 erreicht er mit knapp 28.000 km² fast die Größe Belgiens und zählt auch zu den größten der gesamten Amazonasregion Südamerikas. Die Vergrößerung der Nationalparkfläche um mehr als 100% war erforderlich geworden, um die durch Koka-Anbau und flächenintensive Viehwirtschaft fortschreitende Entwaldung zu stoppen, die in dieser Region besonders starke Ausmaße angenommen hatte. Darüber hinaus schützt die Nationalparkerweiterung den Regenwald vor der an den Schätzen Kolumbiens interessierten Mineral- und Erdölindustrie.

Nationalpark_SerraniaLage des Nationalparks Serranía de Chiribiquete in Solano (Departamento Caquetá, Kolumbien)

Die den Park prägenden Tafelberge bestehen im kristallinen Kern aus Gesteinen des Erdaltertums, mitunter sogar des vorangegangenen Präkambriums. Das Entstehen der Tafelberge ermöglichten aber erst eine Geländehebung im frühen Tertiär um bis zu einen Kilometer sowie die massive Erosion.
Die Oberflächen einiger Tafelberge sind bis heute noch komplett unerforscht. Dafür haben nicht zuletzt ihre steilen, im Park bis zu 800 Meter hohen Flanken gesorgt. Die bislang erforschten Bereiche deuten auf eine enorme Artenvielfalt hin. Die botanische Forschung im kolumbianischen Guayana-Bergland begann 1820 mit dem deutschen Naturforscher, Botaniker und Ethnographen Carl Friedrich Philipp von Martius, der im Auftrag von König Maximilian I. von Bayern auf dem Río Caquetá stromaufwärts rudernd und von Brasilien kommend bis zur Teufelsschlucht (Cañón del Diablo) nach Araracuara vorstieß, allerdings noch nicht bis in das Innere von Chiribiquete gelangte, jedoch zahlreiche Pflanzen fand. Die botanische Forschung begann im Chiribiquete erst so richtig mit der Errichtung des Nationalparks und erbrachte bis 1998 bereits 549 Pflanzenarten, darunter 11 endemische Arten, die nur im Park vorkommen.
Intensiv wurde in der Ornithologie geforscht. Ergebnis: 355 Vogelarten im Parkgebiet. Endemisch und nur hier vorkommend: der Chiribiquete-Smaragdkolibri (Chlorostilbon olivaresi). Bei den Fledermäusen sind bislang 48 Arten bekannt, bei den Primaten auch einige nachtaktive Affenarten.
Besonders ausgeprägt ist die Biodiversität bei den Insekten: So schlagen allein die Tagfalter mit 313 Arten zu Buche, sechs bisher nicht bekannte Libellenarten wurden erst 2015 entdeckt.

Ebenso stellt die Serranía de Chiribiquete für das Überleben und den Erhalt der genetischen Vielfalt des Jaguars (Panthera onca) einen unverzichtbaren Lebensraum dar. Die höchste Dichte von Jaguar-Populationen in Kolumbien ist im Nationalpark Chiribiquete zu verzeichnen. Mit der zur Zeit größten grenzüberschreitenden Naturschutzinitiative weltweit, der Jaguar Corridor Initiative (JCI), versucht die US-amerikanische Umweltorganisation Panthera zum Schutz des Jaguars einen Korridor vom äußersten Süden der Vereinigten Staaten bis nach Argentinien zu schaffen, bei dem Chiribiquete eine wichtige Rolle spielt. Präkolumbianische Felszeichnungen, sogenannte Petroglyphe, einst erstellt von Indigenen an den Flanken der Tafelberge, sollen den kulturellen Zusammenhang zwischen Mensch und Jaguar darstellen und sind als das erste Zeugnis menschlicher Existenz im Amazonasgebiet überhaupt zu werten.
Die bis zu 20.000 Jahre alten Felszeichnungen im Nationalpark gehen wahrscheinlich auf die karibische Volksgruppe der Karijona zurück. Aber auch andere Ethnien nutzten den Ort als mythologisches Zentrum. An mehr als 80 Stellen sind diese Zeichnungen als Ausdruck früher menschlicher Präsenz zu finden.

Der Kautschuk-Boom (Mitte 19. bis Anfang 20. Jahrhundert) traf die dort lebenden Indigenen besonders hart. Sie wurden getötet, vertrieben oder als Kautschuksammler versklavt. Heute leben wieder einige zurückgekehrte Indigene am Rande des Nationalparks. Es soll sogar einige Gruppen von Indigenen im Nationalpark geben, die bisher noch keinen Kontakt mit unserer Zivilisation hatten.
Am 10. März 1984 geriet die Region Chiribiquete schlagartig ins Scheinwerferlicht, als kolumbianische Streitkräfte den Drogenkomplex Tranquilandia am Rio Yarí stürmten. Mitten im Dschungel stieß man in einem Gebiet von 3.000 km² auf 14 Drogenlabore des Medellín-Kartells, 6 Flugpisten, 7 Flugzeuge sowie 14 Tonnen Kokain mit einem damaligen Straßenverkaufswert von unglaublichen 1,2 Milliarden US-Dollar.
Kernziele des Nationalparks Serranía de Chiribiquete sind:

  • Schutz des Ökosystems, um endemische wie bedrohte Arten zu erhalten
  • Dämpfung von Klimaveränderungen durch hydrologische Regulierung der
  • Regionale Klimaregulierung durch Erhaltung der Anpassungsfähigkeit des Ökosystems unter globalen Klimaveränderungen durch die Regenwälder
  • Erhaltung der kulturellen Stätten
  • Schutz der Indigenen, die noch keinen Kontakt mit der westlichen Zivilisation haben
  • Erhaltung der Leistungsfähigkeit des Ökosystems für die dort lebenden Menschen

Ausgangspunkt für Forschungsaufenthalte im Nationalpark ist die im südlichen Teil gelegene Estación Puerto Abeja am Río Mesay (Solano), die von der kolumbianischen Fundación Puerto Rastrojo unter Leitung des kolumbianischen Biologen Patricio von Hildebrand geleitet wird, Bruder des Ethnologen Martín von Hildebrand, einem der Begründer des Nationalparks Chiribiquete und Initiator für die Festschreibung kollektiver indigener Territorien (Resguardos) 1991 in der kolumbianischen Verfassung. Die Forschungsstation ist nur nach tagelanger Fahrt mit dem Boot von Araracuara aus zu erreichen. Eine touristische Infrastruktur im Nationalpark ist nicht vorhanden, wenngleich sporadisch Expeditionen angeboten werden, die aufgrund des vollständigen Fehlens von Infrastruktur aber als riskant gelten.

Der Leiter des Nationalparks, Carlos Arturo Páez Olaya, begleitet die Arbeit  der kommunalen Klimapartnerschaft zwischen Solano und dem Rhein-Kreis Neuss engagiert mit.

 

Bilder vom Nationalpark

  • Tafelberge, auch Tepuis genannt, sind charakteristisch für den Nationalpark Serranía de Chiribiquete.

    Tafelberge, auch Tepuis genannt, sind charakteristisch für den Nationalpark Serranía de Chiribiquete.

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    Bis zu 800 Meter ragen sie aus der Tiefebene empor.

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    Die steilen Flanken der Tafelberge haben dafür gesorgt, dass ihre Oberflächen mitunter noch von keinem Menschen betreten worden sind.

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    El estadio de Chiribiquete – ein von der Natur geschaffenes „Stadion“, das erst in den 1990er Jahren entdeckt wurde.

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    Bis zu 20.000 Jahre alte Felszeichnungen am Fuß der Tafelberge zeugen von früher menschlicher Besiedlung.

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    Abhängig von der Sedimentfracht der Flüsse zeigen sich die Gewässer in den unterschiedlichsten Farben.

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    Stimmungsvoller Blick auf die faszinierende Landschaft des Nationalparks.